15.07.1989

Jolanda sagt, meine Stammfreier hätten alle ein Rad ab. Vielleicht hat sie recht. Der, den sie Mr. Drown getauft hat (weil er ein Ertrinkender ist, wie sie knapp verkündete) hat mir gestern wieder zu denken gegeben. Irgendwie seltsam der Typ. Erst redet er wochenlang nur das allernötigste, Geld auf den Tisch, ein bißchen Fummeln, den Missionar machen, duschen und tschüß. Immer sauber, immer akkurat gekleidet, der typische verklemmte Spießer, dachte ich.
Aber gestern. Ich hab echt nicht gewußt, was das das sollte. Quaselt der mich voll. Du meine Güte, was für ein nerviger Spinner! Jolanda hat recht, die Freaks wollen immer zu mir! Und dann mußte ich auch noch lachen, das war sooo peinlich, weil der Typ total ernst geblieben ist und ich dann noch mehr lachen mußte und gar nicht mehr aufhören konnte. Aber er war ziemlich hartnäckig. Hat immer wieder damit angefangen, daß ich ein neues Leben beginnen muß, mit ihm, raus aus dem Milieu, aus dem Dreck, er habe meine Seele erkannt (klar, du Idiot, sitzt genau zwischen meinen Beinen), mein Leben sei so verpfuscht wie seins, er habe ein krankes Herz, aber er wolle leben... undsoweiterundsofort
Naja egal, seine Stammfreier lacht man nicht aus. Das war sonst eigentlich ein recht problemloser Kunde, aber irgendwie, weiß nicht, irgendwie hatte der etwas an sich, das mir nicht gefiel. Jolanda sagt ja: alles halb so schlimm. Dein Mr.Drown kommt morgen wieder. Wie immer, sagt sie. Vielleicht hat sie Recht.

 

19.07.1989

Keine Ahnung wie er da reingekommen ist, war eigentlich geschlossene Gesellschaft an diesem Abend. Ich hatte gerade ein bißchen Streß mit einem Gast, als er plötzlich vor mir stand und dann weiß ich auch nicht mehr so genau, das ging alles so schnell, der Streit, das kurze Handgemenge, erst hab ich gar nix kapiert, dann, als wir längst draußen waren, im Auto, und ich die Szene vor meinem geistigen Auge wieder und wieder abgespult habe, ist mir klargeworden, daß er ihn einfach abgestochen hat. Aber das ging alles so schnell, keiner hat was gemerkt. Die Musik war so laut, alles pulsierte. Ich war wie in Trance. Ich weiß noch, daß er mich in den Arm genommen hat. Das hab ich nur für dich getan, hat er gesagt. Und: Jetzt kannst du nicht mehr zurück. Später saß ich im Auto wie gelähmt. Konnte nicht sprechen. Mein Herz raste. Immer wieder dieselbe Szene. Vor und zurück. Wie ein schlechter Film.Immer wieder diese Szene. Hat ihn einfach abgestochen. Wie ein Schwein. Einfach so. Was soll ich jetzt bloß tun? Habe solche Angst. Der ist zu allem fähig. Er hat ein paar Sachen aus meiner Wohnung geholt. Morgen fahren wir zu seinem Bruder. Dort sind wir sicher, sagt er, dort können wir bleiben. Ich glaub immer noch, das alles ist ein Traum, der irgendwann endet, enden muß.

 

04.08.1989

Schon über zwei Wochen und er tut einfach so, als wäre das alles nicht geschehen. Und sein Bruder hat nicht einmal gefragt, weshalb wir gekommen sind, wer ich bin und wie lange wir bleiben wollen. Er strahlt so eine Ruhe aus, ganz anders der Ertrinkende. Kaum zu glauben, daß die beiden Brüder sind...
Vermutlich hört sich das ein wenig verrückt an, aber ich glaube, ich könnte mich an das Leben hier draußen gewöhnen. Nur einmal, als er geschäftlich unterwegs war und ich mit dem Psychopathen allein zurückgeblieben bin, da hatte ich ein mulmiges Gefühl. Er schlich den ganzen Tag nervös um mich herum, so als schien er auf etwas zu warten. Zum Glück kam sein Bruder zeitig zurück und nahm diesen Schatten von mir.

 

16.10.1989

Was für eine Komödie. Er wird es nie akzeptieren. Noch hat er ihm nichts gesagt. Noch weiß sein Bruder weder, weshalb wir damals bei ihm aufgekreuzt sind, noch welchen Lebenswandel ich bis dahin geführt habe. Aber er wird es ihm sagen, früher oder später wird er es tun. Auch wenn es seinen Bruder zerstören wird.
Mein Gott, was bildet er sich ein? Er war ein Kunde, ein Gast. Er hat bezahlt und er hat mehr als genug bekommen für sein Geld. Sonst war da nichts. Gar nichts. Wie oft habe ich schon versucht, ihn beiseite zu nehmen, wenn die Gelegenheit günstig war. Aber er meidet jedes klärende Gespräch. Dabei sieht ihm ein Blinder an, daß er mit der Situation nicht klarkommt. Nur sein Bruder, der hat, was das betrifft, Scheuklappen auf. Scheiße, ich spüre, daß da was nachkommt. Aber ich lasse mir das jetzt nicht kaputtmachen, nicht diesesmal. Fuck you, Mr. Drown!

 

15.11.1989

Seit zwei Wochen habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die schönsten zwei Wochen meines Lebens und jetzt das! Er ließ nicht locker, bis ich einem Treffen zugestimmt habe. Nach all den Drohungen und Beleidigungen will er jetzt vernünftig reden. Ich werde reinen Tisch machen. Er holt mich gleich mit dem Auto ab. Hab seinem Bruder angerufen. Er hat an meiner Stimme gemerkt, daß etwas bnicht stimmt. Werde ihm nachher alles sagen, das Versteckspiel muß ein Ende haben. Hoffentlich wird er mir glauben, hoffentlich hört das alles endlich auf.
Gerade hat es geklingelt, das wird er sein. Bringen wir's hinter uns...