Die Arbeit an "Schlafende Hunde" war das größte und komplexeste musikalische Projekt, an dem ich bisher gearbeitet habe. Da sich die Entstehung des Albums über zwei Jahre hinzog, ergaben sich in der Produktionszeit immer wieder neue Aspekte, die wir berücksichtigen mußten. Das Konzept entwickelte sich ungewollt in eine andere Richtung, ein Lied wurde unerwartet ganz anders als wir uns das gedacht hatten, gute Ideen stellten sich als unbrauchbar heraus, oder vermeindlich schlechte als doch ganz gut. So erlebten wir immer wieder Rückschläge und Veränderungen, so daß wir nach Fertigstellung von etwa 3/4 der Lieder fast steckengeblieben wären. Da sich aber mit einem Scheitern weder RIG noch ich abfinden wollten, rissen wir uns zusammen, und arbeiteten weiter. Und plötzlich fast überraschend, hatten wir unzählige Aufnahmelisten abgehakt, scharenweise Musiker durch unseren Aufnahmeraum geschleust und einige Nächte beim Abmischen verbracht und zwölf Liederlagen vor uns. Es folgten zwar noch viele Nacharbeiten und Änderungen, aber es war plötzlich ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Natürlich ereignete sich während dieser zwei Jahre allerhand Lustiges und auch Dramatisches. Nur stichpunktartig habe ich im folgenden die Produktion der einzelnen Lieder vor meinem geistigen Auge Revue passieren lassen und aufgeschrieben, was mir spontan eingefallen ist. Da ich zu eigentlich fast jedem Stück einen kleinen Roman verfassen könnte, habe ich mich auf einige wenige Details beschränkt.

Prolog:
Es kursierte schon länger die Idee ein Intro für das Album zu machen, als ich RiIG arglos eine Skizze für ein düsteres Trip-Hop Stück vorspielte, an dem ich in leicht depressiver Stimmung in der Vorweihnachtszeit 98 bastelte. Es bestand nur aus ein paar Drum Sounds und einigen Sprachsamples die aber stark verfremdet waren. Es gefiel ihm anscheinend sehr gut, denn er sprach plötzlich nur noch von der "Prolog-Idee". Also fand ich mich damit ab, hier einen noch ganz jungen JANUS-Song vor mir zu haben. Wir probierten also gleich ein paar zusätzliche Sounds aus, und es war genau die Stimmung die wir brauchten. Wir nahmen anschließend in Jam-Sessions verschiedene Instrumente auf (Percussion, Flöte, Git, Baß) die wir um eine von Rob's (Baß) kleinen Killermelodien gruppierten.

Rorschach:
Es war der erste Song den wir für SH aufnahmen, und da wir Rorschach für das `96er Demo schon mal produziert hatten, lud ich mir die besten Samples auf die Festplatte und versuchte mich als erstes am Beat. Den anfangs sehr sterilen Groove peppten wir nach und nach mit elektronischen Loops auf. Da die Gitarren tragend in dem Stück sein sollten, nahmen wir uferlos Material auf. Letztendlich entschieden wir uns bei str und bgd für einige brachiale Riffs Marke Beckmann, und für die etwas pathetischeren Chori für Gitarren von Alen, der mal wieder meisterlich Spuren geschichtet hatte. Die einzelnen Teile des Liedes ordneten wir immer wieder anders an, bis ein Ablauf zustande kam, der dem psychopatischen Charakter des Stückes gerecht zu werden schien.

Gescheitert:
Auch bei Gescheitert konnten wir auf eine alte Vorlage zurückgreifen. Im Gegensatz zu Rorschach blieben aber eine ganze Reihe Samples in der endgültigen Fassung erhalten, so RIG's Wüstenkrieger Chor, oder Jochens über fünf Jahre alten Gitarrenlicks. Ich spielte ziemlich viel mit verzerrten und extrem gepitchten Drumloops rum, und wir komplettierten den Groove zusammen mit John und seiner unerschöpflichen Sammlung perkussiv zu verwendender Gegenstände (ich traue mich nicht angesichts von mit Katzenstreu gefüllten Ovomaltinedosen von Instrumenten zu sprechen). Am meisten Spaß machten die Aufnahmen für den Chor im Finale, als RIG und ich uns permanent gegenseitig des Falschsingens bezichtigten. Ein weiteres Highlight war der Derwischtanz von Jürgen (Oboe) beim improvisieren ("...das kann ich doch eigentlich gar nicht!") für die orientalischen Einwürfe in den Zwischenteilen.

Unter dem Eis:
Es sollte ein klassisches Monumentalstück (im JANUS-Sinn) werden und RIG war von der Idee besessen, es müsse länger als 10 min. sein. Er scheiterte, genau wie seine Prognose bei der Gesamtspielzeit des Albums, daß die geforderten 70 min knapp unterschreitet. Wir arbeiteten lange am Gesang, denn es war schwierig die langen Textpassagen optimal zu dem eruptiven Chorus zu steigern. Außerdem bastelten wir nächtelang an Gesangseffekten, die wir unter die "normalen" Spuren mischten, und freuten uns wie die Kinder, wenn uns ein besonders abartiger Sample gelungen war. Auch Katrins Gesicht werde ich nie vergessen als ich mit ihr das Geigen- und Bratschenarrangement aufnahm. Es brauchte einen Moment um sie zu überzeugen, daß ich es ernst meinte, als ich sagte: "Diese acht Takte bitte 14 mal spielen, und dann die zweite Stimme auch noch 14 mal."

Mein krankes Herz:
Der Song überviel uns praktisch und war plötzlich da. RIG kramte eine fast vergessene Skizze, die eigentlich für Rorschach gedacht war, aus, ich überarbeitete sie, wir summten uns eben noch diverse Ideen für die Gesangslinie am Telefon zu, da war das Stück auch schon so gut wie fertig. Eine für uns ganz ungewohnte Situation, denn die meisten Lieder gehen eine mehrfache Metamorphose durch, bis wir zufrieden sind. Oft arbeiten wir sogar an mehreren Versionen desselben Stückes gleichzeitig, weil wir uns für die beste nicht entscheiden können. Wenn allerdings ein Lied wie "Mein krankes Herz" schnell und unkompliziert entsteht, kommt schon der Wunsch auf, nur so arbeiten zu können. Die Gitarren hatte Jochen vor Jahren mal in einem genialen Moment in einem Take aufgenommen, der an die 20 min dauerte. Wir schnitten uns die besten Stellen heraus und klickten daraus das Lied zusammen.

Das Fest:
Als ich abends von der Baustelle des neuen Studios in Rödermark nach Hause fuhr, hatte ich die Idee für ein Bläserarrangement, eine todgeweihte Armee, die in den Abgrund marschiert. Das wurde dann zum Anfang von "Das Fest". Ich mag diesen Song besonders, weil ganz unterschiedliche Stile eine einzige Szene beschreiben, so wie Kameraeinstellungen ein und dieselbe Sache aus unterschiedlichen Perspektiven. Das wechselnde Arrangement ist jedoch sehr schwierig zu produzieren, da auf einer Spur oft ganz unterschiedliche Instrumente liegen. Die einzelnen Samples müssen alle schon sehr gut klingen, weil eine Echtzeitbearbeitung mit Effekten zu kompliziert zu programmieren ist, ein heilloses Chaos also, spätestens wenn man merkt, daß die zweite Stimme von Patricia beim Hintergrundchor im Chorus ein bißchen mehr Höhen vertragen könnte. Oder wenn man beschließt in letzter Sekunde vor dem Mastering Teile des Gesangs mit geändertem Text neu einzusingen...

Reptil:
Eigentlich hatten wir eine Saxophon-Jam-Session für Hotel Eden machen wollen. Wir maltretierten einen armen Frankfurter Taxifahrer mit einer sehr harten Industrial Loop. Er spielte in bester Freejazz Manier irre Saxophonattacken dazu. Dann verfiel er plötzlich in eine ganz gefühlvolle Melodie in Halftime, die stimmungsmäßig in krassem Gegensatz zu dem Krach aus seinen Kopfhörern stand. Daraus wurden dann die Soli für Reptil, die wir mit Effektloops untermalten, für die ich Baukräne und Metallsägen gesampelt hatte. Den letzten Schliff gab dem Arrangement ein total sinnentleertes Brabbeln und Zischen von Rig, bei dessen Aufnahmen ich mir ernsthafte Gedanken über seine geistige Vetrfassung machte. Hört es euch selbst an in meinem Samplearchiv!

Hotel Eden:
Es sollte unser Glanzstück werden und schien unser Waterloo zu sein. Wir machten unglaublich viele Aufnahmen, stellten immer wieder alles um, aber waren immer wieder unzufrieden. Irgendwann waren wir schwer frustriert und begannen, um uns abzulenken, einen Remix unseres eigenen Songs zu machen. Er war viel düsterer und bösartiger als das Orginal. Das machte dann auch richtig Spaß und am Ende des Tages waren wir uns einig, daß diese Version viel besser war als unsere Ursprüngliche. Das war ein entscheidender Wendepunkt bei der Arbeit an SH, denn von nun an galt nur noch die Vorgabe, daß unsere Lieder so extrem wie möglich sein sollten!

Verflucht:
Weil wir zahlreiche Songs vom Album wieder runtergeschmissen hatten (sie erschienen uns als zu schlecht), fehlte uns am Ende ein Lied. Ich begann also verzweifelt in unseren Archiven herumzustöbern, nach Material das wir aufgenommen, aber noch nicht verwendet hatten. Davon gibt es nämlich mehr als genug. Wir wollten einen aggressiven Haßsong machen, also bastelte ich einen nervösen Breakbeat und spickte ihn mit abgehackten Gitarrensamples. Alles sollte nur angerissen sein, und erst im Zusammenhang einen Sinn ergeben. Beeindruckend waren die anschließenden Baßaufnahmen. Ich dachte wirklich Rob sei auf Speed als er sich gegen Ende des Stückes in einen verrückt schnellen Baßlauf reinsteigerte. Er sagte später, ihm wären dabei fast die Finger abgefallen, aber ich konnte ihm ehrlich begeistert versichern, daß es sich gelohnt hatte.

Veronica:
Bei Veronica gingen wir extrem sorgfältig vor und hörten uns jede Aufnahme zehnmal an, bevor wir sie verwandten. Bei den Gesangsaufnahmen wäre uns das fast zum Verhängnis geworden. Immer wieder wollten wir eine andere Stimmung, eine andere Melodie ausprobieren und löschten dann doch alles wieder. Wir trieben uns selbst, und natürlich unsere leidgeprüfte Sängerin Patricia fast in den Wahnsinn, aber am Ende gelang uns dann nervlich entkräftet doch noch der Durchbruch. Es ist der einzige Song auf der CD in dem wir ausschließlich akustische Instrumente verwendet haben. Die erste Version des Gitarrensolos fiel leider einer ungewollten Formatierung zum Opfer. Nachdem die zweite Version aber viel besser wurde, nahm mir das keiner mehr so richtig übel. Hier hat Alen an der Akustikgitarre wirklich sein Meisterstück abgeliefert.

Klotz am Bein:
Dieses Stück reifte im Gegensatz zu "Mein krankes Herz" über Monate. Es sollte das Finale des Albums sein, und die Stimmungen der ganzen Platte noch einmal aufgreifen. Soviel zur Theorie. Wir hatten irgendwann eine gigantische Sammlung verschiedener Teile und wußten weder wo der Anfang noch wo das Ende sein sollte. Weil wir beim besten Willen nicht den gesamten Text den RIG vorgesehen hatte in dem Stück unterbringen konnten, mußte ich ihm in stundenlangen Diskussionen Zeile um Zeile abringen. Kaum war der Text auf ein überschaubares Maß zusammengeschrumpft, platzte er schon mit alternativen Ideen und neuen Teilen heraus. Aber einem JANUS Song darf man sich nicht mit Vernunft nähern wollen. Das mußte dann auch Jens (Gitarre) bei der Feedbackorgie für den Schluß einsehen. Obwohl er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was wir mit dem Krach anfangen wollten, stellte er sich resigniert wieder und wieder vor seinen Amp, der auf maximale Lautstärke eingestellt war, und belastete sein Trommelfell mit sprichwörtlich ohrenbetäubenden Rückkopplungen. Hier auch noch mal nachträglich eine verspätete Entschuldigung an Simon (Drums), den wir zwangen, Snare und Hat ohne Base Drum zu spielen, obwohl er sich aufs heftigste dagegen wehrte. Das nächste mal darfst du richtig Schlagzeug spielen, wenn uns bis dahin nicht was anderes eingefallen ist.

Schlafe gut:
Wir hatten vor gehabt aus dem Prolog ein Äquivalent für den Schluß zu machen, den Epilog. Da sich aus der erdrückenden Vielfalt verschiedener Teile aus "Klotz am Bein" fast schon gezwungenermaßen ein ausladender Schluß entwickelt hatte, disponierten wir um und bauten das zum Schlußlied der Platte aus. Weil das Aufnehmen der Instrumente immer gut vorbereitet sein muß, waren wir kurz vor den Sessions oft ziemlich nervös, wenn uns für einzelne Passagen noch die Arrangements fehlten. So auch bei den Streicherparts für "Schlafe gut", als wir nachts im Studio saßen und am nächsten morgen die Geigerin kommen sollten. Wir setzten auf gut Glück im Delirium irgendwas zusammen, und erst am nächsten Tag während der Aufnahmen stellte sich heraus, daß wir da einen richtig guten Teil geschrieben hatten. So schleicht sich ungewollt eine Art Spontanität in den Entstehungsprozess der Lieder ein, der ansonsten durch unseren Drang, alles so perfekt wie möglich zu machen, meist außen vor bleibt.